Überschuldung privater Haushalte
Wer Schulden hat, ist selber schuld.
Solche Alltagstheorien sind weit verbreitet.
Häufig werden überschuldete Menschen pauschal zu Personen abgewertet, die nicht mit Geld umgehen können
und ihre Schulden gelten ausschließlich als
„Folgen ungezügelten Konsumverhaltens“.
Bei näherer Betrachtung lassen sich solche Vorurteile allerdings nicht aufrecht erhalten.
Bevor überhaupt Überschuldung eintreten kann, muss zunächst Verschuldung vorliegen.
Und die Verschuldung privater Haushalte hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen.
Belief sich das Konsumentenkreditvolumen im ersten Quartal 1970 noch auf rund 27 MilliardenDM,
so betrug es im ersten Quartal 2003 rund 225 Milliarden Euro (441 Milliarden DM). Über den größten Teil dieses Zeitraums stieg das Konsumentenkreditvolumen stärker an als
Löhne/Gehälter und Sparvermögen privater Haushalte.
Diese Entwicklung lässt sich mit allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen in Zusammenhang bringen.
Durch den zunehmenden Bedeutungsverlust der Instanz
„Großfamilie“ sind heute immer mehr Kernfamilien in der finanziell schwierigen Phase der Familiengründung und des Berufseinstiegs auf Kredite angewiesen. Die Kreditaufnahme wird somit zu einem notwendigen Bestandteil einer „Normalbiographie“.
Zu einem Problem werden Schulden jedoch erst, wenn sie nicht zurückgezahlt werden können. Überschuldung liegt
dementsprechend nach einer Definition von Backert/Brock (1998) vor, „wenn der verbleibende Einkommensrest des betroffenen Haushalts nach Abzug der Lebenshaltungskosten nicht mehr dazu ausreicht, die eingegangenen Verbindlichkeiten zubedienen“.
Das Ausmaß privater Überschuldung läßt sich nur anhand einer Reihe von Indikatoren einschätzen. Als solche gelten z.B. die Anzahl der abgegebenen Eidesstattlichen Versicherungen, die Quote von Kreditkündigungen usw.
Im Rahmen langjähriger Forschungstätigkeit zum Thema privater Überschuldung hat die GP-Forschungsgruppe ein mittlerweile weithin anerkanntes Indikatorenmodell entwickelt.
Nach diesem Modell galten 1999 insgesamt 2,77 Mio. Haushalte in Deutschland als überschuldet.Weiterhin hat der GPForschungsgruppe zufolge die Anzahl überschuldeter Haushalte in den 90er Jahren kontinuierlich zugenommen.
Bei einigen Haushalten sind Zahlungsschwierigkeiten schon bei der Schuldenaufnahme vorauszusehen. So geben Schuldnerberater in einer Studie von Zimmermann (2000) bei 15,5% und in einer Studie von Korczak/Pfefferkorn (1992) sogar bei 21% ihrer Klienten als Anlass für die Entstehung von Forderungen die notwendige Sicherung des Lebensunterhalts an.
Für viele Haushalte kommt es jedoch erst nach dem Zeitpunkt der Schuldenaufnahme zu einer unerwarteten Verschlechterung ihrer finanziellen Situation, als Folge dessen die eingegangenen Verbindlichkeiten nicht mehr bedient werden können. Als häufigster Überschuldungsauslöser in diesem Sinne kristallisiert sich aus zahlreichen Studien der Eintritt von Arbeitslosigkeit heraus. Eine wichtige Rolle scheinen außerdem Trennungen und Scheidungen zu spielen, die sowohl bei Korczak (2001) als auch bei Möller (1994) an zweiter Stelle genannt werden.
Diese empirischen Forschungsergebnisse vermitteln den Eindruck, dass Überschuldung vor allem Haushalte in sozial schwachen Positionen betrifft. Das ergibt sich nicht nur aus dem starken Zusammenhang zwischen Überschuldung und Arbeitslosigkeit. Auch Trennungen und Scheidungen gelten nach dem ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung als „wichtige Faktoren für die Entstehung von Niedrigeinkommen und Armut“.
Die Nähe von Überschuldungs- und Armutsrisiko wird weiterhin sichtbar, wenn man die Bevölkerungsgruppen betrachtet, die besonders häufig von Überschuldung betroffen sind. So finden sich unter den Klienten von Schuldnerberatungsstellen deutlich mehr Haushalte mit
fünf oder mehr Personen als in der Gesamtbevölkerung. Kinderreiche Familien sind offensichtlich besonders oft von Überschuldung betroffen. Für Armut gilt dasselbe:
„Bei Ehepaaren wie Alleinerziehenden stieg das Armutsrisiko mit der Kinderzahl überproportional an”, urteilt der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Auffällig häufig überschuldet sind außerdem Alleinerziehende.
In der Untersuchung von Zimmermann (2000) z.B. ist der Anteil der Alleinerziehenden „mehr als sechsmal so hoch im Vergleich zum entsprechenden Anteil in der Gesamtpopulation. Im ersten Armuts- und Reichtumsbericht findet sich dazu: „Allein erziehende Frauen weisen die mit Abstand höchste Sozialhilfequote aller Bevölkerungsgruppen auf. Insofern ist private Überschuldung in vielen Fällen ein Symptom von Armut und sozialer Benachteiligung und nicht etwa, wie in Alltagstheorien oft vermutet, von maßlosem Konsumverhalten.
Als ein weiteres zentrales Ergebnis empirischer Überschuldungsforschung kann angesehen werden, dass Überschuldung selten isoliert auftritt. Das bezieht sich nicht nur auf berufliche Probleme wie Arbeitslosigkeit. So erkennen Schuldnerberater bei der Hälfte ihrer Klienten auch Probleme im gesundheitlichen Bereich. Probleme in der Familie bzw. Partnerschaft identifizieren Schuldnerberater bei 66% und im weiteren sozialen Umfeld bei 39% ihrer Klienten.
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